Bericht aus Bagrot von Monika Schneid (2009)
Projektbesuch im Bagrot Tal
Während unseres zweiwöchigen Besuchs im Bagrot Tal im Mai 2009 haben wir zahlreiche Gespräche mit Schülerinnen und Lehrkräften verschiedener Schulen und auch den Eltern geführt. Regelmäßige Gäste waren wir in der Monika Girls High School. Das Leben im landwirtschaftlich geprägten Tal geht seinen gewohnten Gang. Die Region liegt abseits der aktuellen Krisengebiete Pakistans.
Monika Girls High School
Die Schulklassen und die College-Klassen laufen wie „geschmiert“, getragen von einer hohen Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Mädchenschule hat nun 302 Schülerinnen und die drei College-Klassen 42 Studentinnen. Unterrichtet werden die Schülerinnen und Studentinnen von 21 Lehrkräften. Zwölf Lehrkräfte werden aus Spendenmitteln finanziert, neun von der Schulbehörde.
Ein Neubau mit drei weiteren Klassenräumen auf dem großzügigen Schulgelände wartet auf die Abnahme durch die regionale Schulbehörde, die Bauträger ist. Seitens des Bauunternehmers sind größere Ausbesserungsarbeiten erforderlich. Die beiden kleineren Räume können hoffentlich in den kommenden Monaten bezogen werden.
Der Unterricht findet wie seit Jahren in zwei Schichten statt. Der Vormittag ist für die sieben Vor- und Grundschulklassen reserviert, der Nachmittag für die höheren Klassen und den Unterricht für die Studentinnen.
Die 9. Klasse hatte mit Beginn des neuen Schuljahres im April sage und schreibe 86 Schülerinnen und musste in zwei Klassen geteilt werden. Das ist ein großer Erfolg und spricht für die Qualität und das hohe Ansehen der Schule. Dies ist in besonderem Maße den beiden einheimischen Koordinatoren Ahmad Ali und Muhammad Sharif zu verdanken. Sie kümmern sich über das Jahr um die vielen kleinen und großen Fragen der Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte und steuern mit einem großen diplomatischen Geschick die Belange und Interessen der Schule.
Neues Ausbildungsangebot
Aufgrund der Nachfrage einiger junger Frauen wird seit März 2009 Förderunterricht für einen weiteren Ausbildungszweig angeboten: eine zusätzliche Lehrkraft bereitet Schul- und Collegeabsolventinnen auf das „Certificate Teaching“ vor. Der Nachweis dieser Prüfungen ist neben Schul- und Collegeabschluss für eine Bewerbung im Schuldienst erforderlich. Und daran haben einige der jungen Frauen großes Interesse. Die zusätzliche Lehrkraft kostet derzeitig 1000 € pro Jahr.
Angesichts unserer bescheidenen Mittel blieb nichts mehr übrig für außerordentliche Maßnahmen wie die Anschaffung von Lehrmaterialien oder einen Lesewettbewerb. Es hieß Prioritäten setzen und die beruflichen Interessen der jungen Frauen unterstützen. Darüber hinaus mussten die Gehälter aller "alten" Lehrkräfte rückwirkend ab Januar diesen Jahres den erheblichen Preissteigerungen für Waren des täglichen Bedarfs wie Weizen, Mehl, Öl, Zucker, Reis, Brennholz, Gas etc. angepasst werden. Die Preise waren in den vergangenen 12 Monaten um 50-100% gestiegen.
Gut angelegte Spenden
Insgesamt betragen die Personalkosten für alle Lehrkräfte in diesem Jahr 10.000 €. Ein Betrag, der sehr gut angelegt ist. Dankenswerterweise haben auch in diesem Jahr wieder viele private Freunde und das Forum Kinder in Not e.V. durch ihre Aktivitäten und großzügigen Spenden diese Förderung möglich gemacht.
Begabtenförderung
Die Vergabe von vier Stipendien zum Besuch der BASE Public School in Bagrot ging in das dritte Jahr. Ein Test in Mathe, Urdu und Englisch für Absolventinnen der 3. und 4. Klasse aller Grundschulen im Tal sollte entscheiden. Das Interesse war riesengroß und für uns vollkommen überraschend: zum Test kamen 117 Schülerinnen! In den beiden vergangenen Jahren waren es jeweils 30-40 Mädchen, die sich daran beteiligt hatten. Zurzeit kostet ein Stipendium, d.h. die Schulgebühren für den Besuch der Privatschule monatlich 3 € für eine Schülerin. Nun sind es bereits 12 Mädchen aus verschieden Dörfern, die auf diesem Weg die BASE Public School besuchen können. Ich habe mich verpflichtet, die Schulgebühren für die Stipendiatinnen bis zum Abschluss der 8. Klasse, das ist die vorläufig letzte Klasse der BASE Public School zu übernehmen. Dies in der Hoffnung, dass deren Eltern danach in der Lage und bereit sind, den Besuch einer weiterführenden Schule außerhalb des Tals aus eigenen Mitteln zu tragen.
Wirtschaftsfaktor Schule
Die Monika Girls High School ist der drittgrößte Arbeitgeber im Bagrot Tal nach dem öffentlichen Dienst (Schulen, Straßen- und Brückeninstandhaltung) und der BASE Public School, betrieben von der lokalen Selbsthilfeorganisation BASE. Und durch das Angebot weiterführender formaler Bildung hat sie einige junge Frauen in eine Anstellung an den staatlichen Grundschulen und in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge geführt. Die im Tal beruflich tätigen Frauen sind nahezu alle Absolventinnen unserer Mädchenschule. Auch die kleinen lokalen Geschäfte profitieren von der großen Schule, denn auch Schülerinnen benötigen regelmäßig Schulsachen und Schulkleidung etc.
Alltag der Schülerinnen
Die meisten Mädchen gehen eifrig zur Schule und zeigen sehr gute Leistungen – im Durchschnitt besser als die Jungs. Sie sind kreuzunglücklich, wenn sie aufgrund der vielen häuslichen und landwirtschaftlichen Pflichten keine Zeit für die Hausaufgaben haben oder dem Unterricht fern bleiben müssen. Hausaufgaben werden in den Sommermonaten oft erst nach 23 Uhr gemacht, so dass die Mädchen irgendwann darüber einschlafen.
Im Sommer sind die Tage sehr lang. Morgens wird zwischen 6 und 7 Uhr gefrühstückt, d.h. Tee kochen und Brot backen ab 5.30 Uhr. Zu Mittag gegessen wird zwischen 14 und 15 Uhr. Darum kümmert sich in der Regel die Hausfrau. Das Abendessen wird oft erst gegen 22 Uhr eingenommen. Zuständig für die Zubereitung sind meist die älteren Töchter oder eben die kleineren, wenn keine großen im Haus sind. Hierzulande können wir uns heute kaum mehr vorstellen, was Kochen und Hausarbeit bedeutet ohne elektrische Geräte, fließend Warmwasser und Tiefkühl- oder Fertigkost. Alle Hausarbeiten werden von Hand und zu Fuß erledigt. Gemüse für die Mahlzeiten wird von den Feldern geerntet und immer frisch zubereitet, und zu jeder Mahlzeit wird ein Berg Fladenbrote für die Großfamilie gebacken. Immer häufiger werden in einigen Haushalten anstelle des Brotes auch große Töpfe Reis gekocht, weil es schneller geht und Weizen knapp geworden ist und damit teuer.
In manchen Häusern kocht und backt man heute auf einem ein- oder zweiflammigen Gaskocher, in den meisten Haushalten weiterhin mit Holz auf einer Feuerstelle, auf der nacheinander alles zubereitet wird. Die jüngeren Frauen und Mädchen geben sich viel Mühe mit der Zubereitung der Mahlzeiten und probieren gerne immer wieder neue Gerichte aus.
Kleine Freiheiten
Mit den Mädchen und jungen Frauen aus der Nachbarschaft haben wir einige Ausflüge gemacht im Tal und auch in die nahegelegene Stadt Gilgit. An einem Sonntag sind wir mit 24 Personen, darunter nur 5 männliche Wesen, in die höheren Lagen des Sommertals von Bagrot gewandert. Unsere Gruppe glich einer kunterbunten Prozession. Die Mädchen hatten sich alle ungeheuer schick gemacht, wie sich das in Bagrot bei Besuchen und Ausflügen gehört. Wir konnten bei einigen noch auf ein Einsehen hinsichtlich des Schuhwerks hinwirken, denn modische Slipper oder Absätze schienen uns für die Tour eher ungeeignet, auch wenn die einheimischen Frauen das Gehen auf holprigen Wegen und über Stock und Stein gewohnt sind.
Die lange Wanderung war für jung und alt ziemlich anstrengend. Und unseren Tagesproviant mussten wir natürlich mitschleppen. Teestuben, Restaurants o.ä. gibt es nicht. Im letzten Dorf des Sommertals auf knapp 3000 Meter haben die Mädels während der Mittagsrast auf einer ebenen grünen Wiese zu meiner großen Überraschung Fußball gespielt. Erst gemeinsam mit den uns begleitenden Brüdern und Cousins, doch die wurden relativ schnell zu Torwarten degradiert und schließlich ganz an den Rand des Geschehens gedrängt - dies ohne Murren. Die Mädchen hatten ganz offensichtlich einen Riesenspaß beim sportlichen Spiel außerhalb der engen dörflichen Gemeinschaft und des Alltags.
Monika Schneid
September 2009
Fotos aus Bagrot:
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